Was bedeutet eigentlich proaktive Karriereplanung?

Laut Duden bedeutet proaktiv, dass man durch differenzierte Vorausplanung und zielgerichtetes Handeln die Entwicklung eines Geschehens selbst bestimmen und eine Situation herbeiführen kann. Das klingt natürlich etwas hölzern. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet proaktive Karrieregestaltung aus meiner Sicht, mit eigener Motivation und Initiative seine Karriere in die Hand nehmen, zu planen und zu gestalten. Und zwar vorausschauend und selbstbestimmend. Dazu muss man aber genau wissen, wo man aktuell steht, was man bisher erreicht hat und wohin man in der Karriereentwicklung will, Stichwort Selbstreflexion. Bildlich gesagt: Auf dem Karriereweg ist es wie bei jeder Reise wichtig, dass man den Inhalt seines Koffers kennt, möglicherweise nochmal umpackt oder weiteres Gepäck dazu nimmt, und sich mit seinem Reiseziel vertraut macht. Möglicherweise liegt der Schlüssel auch darin, das Ziel seiner Reise umzuplanen.

Die Frage ist aber, ob proaktive Karrieregestaltung dann bedeutet, dass ich mich und mein Können permanent infrage stellen muss? Dass ich immer an mir arbeiten muss? Das klingt sehr anstrengend.

Es ist anstrengend, keine Frage. Der bequemere Weg wäre natürlich, sich auf dem Erreichtem auszuruhen und auf den nächsten Karriereschritt zu warten. Ich denke, wenn man den anstrengendsten Teil, den ersten Schritt, gemacht hat und sich seines aktuellen Profils und seiner Ziele bewusstgeworden ist, sind die weiteren Schritte eine logische Konsequenz daraus.

Ich behaupte sogar, dass die Tatsache, seine Ziele vor Augen zu haben, sehr motivierend wirkt und sich dadurch automatisch ein proaktives Handeln einstellt, um Ziele zu erreichen. Man sollte das eigene Können auch nicht permanent infrage stellen, sondern sich eher seines Könnens immer wieder bewusstwerden. Diese Erkenntnis kann sehr motivierend und positiv wirken. Natürlich gibt es immer die zweite Seite einer Medaille, dass man dabei auch Dinge entdeckt, die nicht optimal sind. Aber wenn man proaktiv handelt, also vorausschauend, dann hat man genug Zeit, um Dinge zu ändern.

Ich berate seit vielen Jahren Studierende zum Thema Berufseinstieg und Bewerbung und ich merke, dass sich die Anforderungen stark geändert haben.

Ich spüre bei den Studierenden eine große Unsicherheit und auch Unwissenheit über genau diese Anforderungen. Klare und vorgezeichnete Karrierewege werden immer seltener, dadurch wird natürlich auch die Planung schwieriger. Stellenanzeigen sind oft schwammig formuliert, sodass die Studierenden nicht einschätzen können, welche Anforderungen hinter welchem Berufsbild stehen. Es entstehen ständig neue Berufsfelder und Berufsbezeichnungen, der Arbeitsmarkt verändert sich rasant. Diese Fülle an Informationen zu selektieren und sich zu orientieren, fällt vielen enorm schwer.

Und diese Soft Skills gibt es ja auch noch…

Richtig. Vor allem die persönlichen Anforderungen, also Sozialkompetenzen wie das Verhalten, die Kommunikation, die Fähigkeit zur Selbstvermarktung, werden immer wichtiger. Bewerber, die etwa im Vorstellungsgespräch waren oder gerade auch die, die bereits Praxiserfahrung gesammelt haben, bestätigen mir das immer wieder. Das heißt für mich: Speziell in meiner Arbeit konzentriere ich mich mehr auf den Menschen und seinen Reisekoffer, als nur auf das Reiseziel. Wie das Wetter am Reiseziel können sich auch Anforderungen am Arbeitsmarkt schnell ändern, sodass man vorausschauend und doch recht flexibel packen und denken muss.

Nun stellt sich die Frage, welche Eigenschaften sind es denn, die auf dem Arbeitsmarkt von Morgen gefragt sind?

Die Anforderungen ändern sich enorm schnell: Was heute gefordert wird, kann morgen schon überholt sein. Wichtig für den zukünftigen Arbeitsmarkt sind grundsätzlich alle Kompetenzen, die mir dabei helfen, in Situationen handlungsfähig zu bleiben. Meiner Meinung nach sind das vor allem Eigenschaften wie Offenheit, Empathie, Abstraktionsfähigkeit, Überzeugungsfähigkeit, Mut, Neugier, die Bereitschaft zu Lernen und die Begeisterung für das, was ich tue. Die fachliche Grundlage für Soft Skills werden meist im Studium geschaffen und müssen lebenslang aktuell gehalten werden. Aber Kompetenzen lassen sich nicht allein in Lehrveranstaltungen vermitteln. Am besten trainiert man sie in konkreten Problemsituationen und in der sozialen Interaktion, im echten Leben also.

Nun mal ganz praktisch: Wie und wo platziere ich in der Bewerbung und im Bewerbungsverfahren, dass ich mit dem Thema proaktive Karriereplanung auseinandergesetzt habe und ständig an mir arbeite?

Das sieht man am Verlauf des Lebenslaufs und das lässt sich natürlich super im Motivationsschreiben beschreiben. Man benennt sein Karriereziel und seine Motivation, für genau dieses Unternehmen in genau dieser Stelle zu arbeiten. Dann beschreibt man die Erfahrungen und die persönliche Entwicklung, die man bisher gemacht hat, um dieses Ziel zu erreichen. Das begründet sehr gut, warum man für diese Stelle der perfekte Kandidat ist.

Nun ein Beispiel…

Angenommen, eine junge Absolventin bewirbt sich in einem großen Beratungsunternehmen als Projektmanagerin. Zunächst würde sie ihre Motivation für die Bewerbung formulieren. Zum Beispiel, weil sie koordinierend und planerisch arbeiten oder in einer Schnittstellenfunktion im Unternehmen die Organisation der wichtigen Prozesse antreiben möchte. Im nächsten Schritt geht es darum, klar zu machen, dass man genau dieses Ziel schon länger gezielt verfolgt und Entwicklungsschritte gemacht hat. Die junge Absolventin hat bereits einen studienbegleitenden Kurs zum Thema Projektmanagement absolviert. Super, das sollte sie unbedingt erwähnen. Wichtig ist, klarzustellen, dass man sich proaktiv für diese Erfahrungen entschieden hat, um das selbst gesetzte Karriereziel zu erreichen.

Aber im Motivationsschreiben sollte ich mich doch besser kurzhalten, oder?

Das ist richtig. Ins Detail gehen kann man am besten im Bewerbungsgespräch, da kann man seine Ziele ausführlich darlegen und die Schritte zur Erreichung genauer beschreiben.

Wichtige Fragen, die es gilt im Bewerbungsanschreiben zu beantworten sind: Warum? Wer bin ich? Warum ich?

 

Viel Erfolg🙂

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